Theater spielt am MGB eine gewichtige Rolle
Neben den zahlreichen Theater AGs gibt es bei uns bereits zwei Literatur- und Theaterkurse in den Klassen 12 und 13, die an dem Modellversuch in Baden-Württemberg teilnehmen. Hier finden Sie zunächst einmal Pressebeiträge zu vergangenen Aufführungen, später werden wir diesen Bereich durch Projektberichte ergänzen.
Die Theater AG3 des MGB präsentiert „Die Odyssee“ im handlichen TV Format
Besonders diejenigen Zuschauer, welche die Odyssee nur vom Hörensagen kennen und schon immer vor dem Original zurückschreckten, sind an diesem Theaterabend glücklich.
Die Autorinnen der Eigenproduktion und gleichzeitig Leiterinnen der Theater AG3, Annelie Hofsäß und Nadine Herrmann, zeigen die Odyssee als Ergebnis eines Autorenteams, das 13 Folgen einer Fernsehserie erdenken soll. Wir sehen auf der Bühne also ein Aqua-Roadmovie, das offenbar den Sehgewohnheiten heutiger SchülerInnen entgegenkommt. So bringt man Jugendlichen antike Mythen nahe und so wird sicherlich der eine oder andere doch einmal eine Übersetzung des Originals zur Hand nehmen und erkennen, dass die Themen, die damals die Menschen bewegten, universell und zeitlos sind.
Schon bald wird klar, dass es bei der Produktion der Serie nicht vornehmlich um kreative Prozesse geht, sondern das Ergebnis von den wirtschaftlichen Interessen der Geldgeber und der Rücksicht auf mögliche Zielgruppen geprägt wird. Damit erhält das Stück eine gelungene Rahmenhandlung und gleichzeitig demonstrieren die Schüler ihre kritische Distanz zum Medium Fernsehen. Trotz dieser ernstzunehmenden Problematik hat die Inszenierung viel Humor, der manchmal leicht und locker, manchmal beißend bis zum Sarkasmus daherkommt. So wird deutlich, dass die Episoden von der Produktionsfirma doch eher als Werbeunterbrechung und Gelegenheit zum product placement gedacht sind und ein künstlerischer Anspruch völlig überzogen wäre. Glücklicherweise merkt man dies dem Ergebnis auf der Bühne in keinster Weise an.
Nach dem Motto „ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen“ erhalten die Ehefrauen der Helden endlich eine Stimme und zeigen zahlreiche Möglichkeiten, mit der Abwesenheit des Gatten umzugehen. Die Reaktionen reichen von Frust über Gleichgültigkeit und Verständnis, bis hin zur Erleichterung, ihn endlich los zu sein.
Fesselnd und mit viel Dynamik wird auch der Gewissenskonflikt des Odysseus gestaltet, als er sich zwischen der bezaubernden Calypso und seiner Gattin Penelope entscheiden muss. Poseidon und Athene geraten in einen Wettkampf, der um das Ganze auf die Spitze zu treiben, von einer Moderatorin mit Trillerpfeife im passenden Jargon kommentiert wird, während Calypso und Odysseus in stillem Spiel der Annäherung und Distanzierung auf herrlich unschuldige Weise Ausdruck verleihen.
Und wer schon immer wissen wollte, warum Odysseus’ Gefährten dezimiert werden, erfährt dass die Nebenschauspieler aus der Serie herausgeschrieben werden, um zu verhindern, dass sie überzogene Gagenforderungen stellen. Dass das Schicksal der Gefährten Trauer und Verzweiflung auslöst, ist da nur ein willkommener Nebeneffekt zur Dramatisierung des Geschehens und für den Zuschauer in der Entstehung natürlich äußerst amüsant. Annelie Hofsäß und Nadine Herrmann haben es in eineinhalb Jahren geschafft, ein begeistert und begeisternd spielendes Ensemble zu formen, einzelnen Mitgliedern eine Rolle auf den Leib zu schreiben und eine Eigenproduktion auf die Beine zu stellen, die theatrale Mittel mit Bedacht und zielgerichtet einsetzt. Hier kommt ihnen sicherlich die eigene Erfahrung in der TheaterAG2 ihres geschätzten Theaterlehrers Michael Polty zugute, aber auch die Tatsache, dass sie am MGB das Fach Literatur und Theater belegen konnten. Man kann nur hoffen, dass dieses Modell der von SchülerInnen geleiteten Arbeitsgruppe am MGB Schule macht und angemessene Beachtung erfährt, denn nur so können die Nachwuchsschauspieler auch in Zukunft ihre Lust am Theaterspiel ausleben.
Marc Soedradjat




Der Tod und das Mädchen
Als bereits zweites Theaterstück präsentierte die Theatergruppe des Melanchthon-Gymnasiums am 18. und 19. Juni „Der Tod und das Mädchen“ von Ariel Dorfman.
„Wenn er unschuldig ist? Dann ist er wirklich am Arsch“. Das Licht geht aus. Applaus. Die Saalbeleuchtung geht an. Die Besucher des Theaterstückes „Der Tod und das Mädchen gehen in die Pause, noch tief in Gedanken über das, was sie gerade gesehen haben. Die Frage nach der (Un-)Schuld ist auch in den Gesprächen viel zu hören. Sie reden über Roberto Miranda, der im Stück der Vergewaltigung und der Folterung an Paulina Escobar beschuldigt wird.
Das Stück beginnt mit einer alltäglichen Diskussion eines Ehepaars über die Aufgaben im Haushalt, andere Frauen und die Politik. Für die älteren Leute eine sehr bekannte Situation, die deshalb auch zur Belustigung des Publikums führt. Gerardo Escobar ist ein erfolgreicher Anwalt in einem südamerikanischen Staat, der soeben in die Untersuchungskommission des Präsidenten einberufen wurde. Die Kommission untersucht Morde der vorhergehenden Militärregierung an Widerständlern. Paulina Escobar war selbst Opfer der alten Militärregierung, wurde gefoltert, misshandelt und vergewaltigt. Sie haben ein Strandhaus, zu dem sie am Wochenende fahren und in dem das ganze Stück spielt.
Das Stück bekommt eine ganz andere Wendung, als Paulina im Besuch ihres Mannes ihren Peiniger erkennt. So kommt es dazu, dass Roberto Miranda am nächsten Morgen an einen Stuhl gefesselt, mit einem Tanga als Knebel im Mund und einer Platzwunde am Kopf aufwacht. Er wird ständig mit der Waffe von Paulina bedroht, die ihm ihre Geschichte erzählt. Als Gerardo wach wird, will er natürlich seine Frau zur Vernunft bringen, scheitert aber. Bis zur Pause sitzt Roberto Miranda gefesselt und geknebelt auf der Bühne, während Gerardo und Paulina darüber diskutieren, was mit ihm passieren soll.
In dem Stück „Der Tod und das Mädchen“ sehnt sich Paulina Escobar danach, Gerechtigkeit zu erreichen. Da sie diese vom Staat nicht zu bekommen glaubt, versucht sie durch Selbstjustiz ihren Willen zu erreichen. Interessant ist es, wie sie ihre Selbstjustiz ausführen will. Zuerst will sie, dass ihr Mann, Gerardo, Roberto Miranda vergewaltigt, dann will sie, dass Miranda mit einem Besenstiel vergewaltigt wird. Doch zum Schluss weiß sie, was sie wirklich will. Ein Geständnis. Das Geständnis von Roberto Miranda geht tief unter die Haut. Er beschreibt seine Neugier, als er die nackten Frauen vor sich liegen sah. Er beschreibt seine Experimente an ihnen. Da machte dann auch die Altersempfehlung auf den Plakaten Sinn, die zuerst für Verwunderung gesorgt hatte. Schließlich war es das erste Mal, dass ein Schultheaterstück eine Altersempfehlung von 16 Jahren hatte. „Wir wollten halt mal an unsere Grenzen gehen und ein richtiges Erwachsenenstück probieren“, meint Lukas Block (Gerardo Escobar). Außerdem war es das letzte Theaterstück gemeinsam mit seinem Kollegen Christopher Ohnesorge (Roberto Miranda). „Ich denke, das war für uns ein sehr gelungener Abschluss“, sagt er und grinst dabei zufrieden. Zufrieden können alle drei Schauspieler sein. Es ist wirklich eine enorme Leistung ein Stück mit nur drei Rollen auf die Bühne zu bringen, und das bei einem solchen Thema. „Natürlich haben wir das alles nicht alleine hingekriegt. Wir hatten sehr viele Helfer“, verrät Hannah Scheu-Hachtel (Paulina Escobar). Das erkannte man auch bei der Danksagung, bei der die Bühne dann plötzlich voll mit jungen Leuten war. Für einen sehr gelungenen Abschluss des Stückes sorgte ein Streichquartett bestehend aus Robert Gervasi, Mareike Peissner, Karolin Fesenbeck und Ursula Heinze. Sie spielten das Quartett „Der Tod und das Mädchen“ von Schubert. „Das war echt kurzfristig“, gesteht Christopher Ohnesorge. Aber er ist sehr froh, dass die Vier in der kurzen Zeit noch so ein „echt bewegendes“ Quartett auf die Bühne gebracht haben.
Die Zuschauer verlassen die Aula des MGB. Die Frage nach der Schuld hat sich geklärt. Doch ob Roberto Miranda zum Schluss von Paulina erschossen wird, blieb unklar. „Das kann jeder im Publikum selber entscheiden“, sagt Hannah Scheu-Hachtel.
Alles in Allem ist es der Theatergruppe des MGB mal wieder gelungen das Publikum aus dem Alltag in eine völlig neue Situation zu bringen und die Köpfe vieler Besucher mit neuen Gedanken zu füllen.



„Liebe, Zoff & Nachtigall“, die jüngste Produktion der Theater-AG² am Melanchthon Gymnasium




Herkules und der Stall des Augias
Bei seiner ersten Inszenierung wagte sich Sven Reinwald, der vor einem Jahr die Theater-AG von Herrn Dr. Schallhorn übernommen hat, an das Stück „Herkules und der Stall des Augias“ von Friedrich Dürrenmatt – mit großem Erfolg.
In dem Stück nimmt der griechische Nationalheld Herkules, dem seine Heldentaten missglücken und der sich deshalb in großer Finanznot befindet, das zweifelhafte Angebote der Elier, ihre polis von Grund auf auszumisten, mit Widerwillen an. Begleitet von seiner äußerst attraktiven Geliebten Deinareira und seiner Sekretärin Polybia (beide Rollen überzeugend gespielt von Nina Hofsäß bzw. Hannah Scheu-Hachtel) stößt er schon bald auf Widerstände. Mal sind es die Störmanöver der wuchernden elischen Bürokratie, mal die schwankenden und nicht von großem Verstand geprägten Meinungen der Parlamentarier, die ihm seine Aufgabe erschweren. Somit scheitert er und muss sich sogar als Hauptattraktion im Zirkus des Direktors Tantalos (Hagen Garhöfer) verdingen, der ihn – nomen est omen – quält, indem er zugleich die drei überragenden attischen Artistinnen gegen ihn aufbietet. Antonia Görgen, Sabine Doppelbauer und Sabrina Nowak stehlen ihm die Schau und erhalten vom Publikum zurecht tosenden Beifall. Resignierend verlässt der Held die polis, um sich anderen Heldentaten zuzuwenden.
Der gelungene Theaterabend profitiert von der herausragenden Leistung Christopher Ohnesorges, der es versteht, die verschiedenen charakterlichen Facetten des Protagonisten mit viel Gefühl und variantenreichem Ausdrucksvermögen zu vermitteln. Unterstützt wird er dabei von einem Ensemble, das selbst bei den Nebenrollen große Wirkung auf der Bühne erzielt. Ob Andre Seidel als Briefträger Lukas, Julia Berzel und Marius Eggers als Kinder des Parlamentspräsidenten von Elis (Torben Krüger) oder die emsigen Bühnenarbeiterinnen Laura Link und Alicia Rabetllat, alle tragen mit großem Engagement zum Gelingen des Stücks bei.
Trotz aller witzigen Szenen, welche das Publikum immer wieder zum Lachen bringen, endet die Komödie ernsthaft. Am Schluss verlassen alle Schauspieler die Bühne, umzingeln die Zuschauer und konfrontieren sie – geblendet vom starken Licht der Scheinwerfer – mit einem Gedicht, das die Degeneriertheit moderner Überflussgesellschaften anprangert. Der Staat Elis und seine Probleme scheinen gegenwärtig zu sein und so können die Zuschauer nur in eine dunkle, kalte Nacht entlassen werden mit dem Appell, die Herausforderungen anzupacken und ihr privates wie öffentliches Dasein auszumisten, um Verfallserscheinungen gerade noch rechtzeitig entgegenzutreten.
Sven Reinwald hat dieses reizvolle Drama mit viel Phantasie und Ideenreichtum inszeniert. Es ist eine Lust, der Aufführung zwei Stunden lang zu folgen, mit dem allzu menschlichen Helden mitzuleiden und über die grenzenlose Borniertheit der Elier den Kopf zu schütteln. Es bleibt der Theatergruppe zu wünschen, dass sie die begonnene Arbeit fortsetzt um im nächsten Jahr ein neues Theaterfeuerwerk zu zünden.
Volker Adam





„Klassentreffen“ auf der Bühne des MGB

Die Theater-AG2 präsentiert ambitionierte Eigenproduktion
Elf Jahre nach dem Abitur trifft sich ein Literaturkurs, um in alten Zeiten zu schwelgen und Bilanz zu ziehen. Aus dieser Grundidee entwickelte Autor und Regisseur Michael Polty mit seinem Schauspielensemble ein konflikt- und spannungsbesetztes Kammerspiel. Die Schülerinnen und Schüler schrieben in der Entstehungsphase eigene Rollenbiografien, schneiderten sich die Figur sozusagen auf den eigenen Leib und erreichen so nun im Spiel eine erstaunliche Authentizität. Was als Klischee, als Typisierung beginnt, erhält zunehmend Tiefenschärfe. Das sich entwickelnde Drama gibt jeder Figur den ihr gebührenden Raum, verlangt Spielern und Publikum viel ab. Wer sich aber auf die Tour de Force einlässt, wird emotional und intellektuell angeregt.
Zunächst überwiegt in der Gruppe die Neugier, die Wiedersehensfreude, aber schon bald scheint es keine Regeln mehr zu geben. Jeder darf sich über jeden lustig machen, durch ironische Bemerkungen den anderen als Blender entlarven, aus der Reserve locken. Dadurch, dass sich die Figuren auf dieses Spiel einlassen, ihre Selbstzweifel, unerfüllten Wünsche und Ängste offen legen, entsteht ein intensives Gemeinschaftsgefühl. Zugleich bewegend und doch lächerlich wirkt in diesem Zusammenhang die Szene, in der die mittlerweile Dreißigjährigen in nostalgischer Scheinharmonie den Beatles-Klassiker „Hey Jude“ singen. Dessen Text ist programmatisch: „For well you know that it’s a fool who plays it cool by making his world a little colder.” Irgendwann ist Schluss mit “cool” und so entwickelt sich eine Eigendynamik, die zur schonungslosen Auseinandersetzung mit dem eigenen Scheitern führt.
Fast schon kabarettistische Einlagen liefert Thomas Langauf mit seiner beißenden Kritik an der Verblödungsmaschinerie Fernsehen, verpackt in eine Tirade über seine sinnentleerte Existenz als Programmdirektor eines Privatsenders, als „Medienfaschist“, wie er das nennt. Die ironische Brechung, das Kippen vom Schweren zum Leichten gelingt dem Ensemble immer wieder auf eindrückliche Weise. Die Bühne als Schlachtfeld, auf der über das Bild, das man sich vom anderen macht, Theatertheorien und verfehlte Lebensentwürfe diskutiert wird, hat immer wieder auch Platz für das Komische. Hier sei beispielsweise Jessica Ferklaß als „therapeutische Bremse“ genannt, die in ihrem Bestreben, das Geschehen zu analysieren und zu kontrollieren überaus amüsant ist. Auch die Versuche des Familienvaters (Maroje Culinovic), sein spießiges Glück zu rechtfertigen, die Versicherung, der gescheiterten Autorin (Alice Urban), nicht verbittert zu sein und die Einblicke der Schauspielerin (Alexandra Selesnew) in die Zustände an Stadttheatern lösen im Publikum nicht nur Mitleid, sondern auch Gelächter aus.
Es spricht für das Stück, dass eine konkrete Veränderung im Leben der Figuren kaum zu sehen ist, denn so wird deutlich, dass der Mensch doch zu einem nicht unerheblichen Teil ein Produkt der ihn umgebenden Umstände bleibt, von denen er sich nicht ohne Weiteres befreien kann. Andererseits bleiben die Figuren trotzdem nicht in ihrer Selbstbeobachtung und Selbstzentriertheit gefangen. Die Nachricht über einen Unfall des eigenen Kindes löst diese schlagartig auf. In diesem Moment zeigt sich ihr Verantwortungsbewusstsein als Erwachsene, sie sind für den anderen da und finden zurück in den Alltag.
Auch der Zuschauer zieht während und nach dem Theatererlebnis unweigerlich Bilanz. Gleichzeitig wird ihm aber bewusst, dass nicht die solipsistische Bilanzierung des Einzelnen entscheidend ist, sondern das menschliche Miteinander. „Klassentreffen“ ist so gesehen ein pädagogisches Drama, denn man wünscht sich unweigerlich, dass die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen während und nach ihrer Schulzeit diese Erkenntnis bewahren.
Marc Soedradjat




Die Theater-AG2 des Melanchthon-Gymnasiums Bretten präsentiert William Shakespeares Sommernachtstraum.
Zum Herbstanfang neigt der Mensch dazu, den Sommer zu verklären. In der Erinnerung schwelgt man gerne, und so erwarten an diesem Abend an die zweihundert Theaterliebhaber mit viel Vorfreude ein Stück, das sie in eine Traumwelt entführen soll. Sie werden nicht enttäuscht. Es darf geträumt, gelacht und mitgefühlt werden.
In der Freude über die komischen Verwechslungen und die daraus resultierenden Missverständnisse vergisst man oft, dass Shakespeares Komödie ein doch eher düsteres Bild von der Liebe zeichnet. Umso höher ist es der Inszenierung der Theater-AG2 anzurechnen, dass sie großen Wert darauf legt, eben das Liebesleid bewusst zu machen und nicht hinter dem Klamauk des Stückes verblassen zu lassen.
Die schöne Helena (Alexandra Selesnew) ist in ihrer Selbstwahrnehmung gestört, vollkommen aus dem Tritt gebracht ob der Tatsache, dass sie von Demetrius (Eugen Geisler), dem sie in ihrer Liebe bedingungslos ergeben ist, gehasst, verhöhnt und erniedrigt wird. Die objektive Schönheit der jungen Frau verwandelt sich in eine subjektive Hässlichkeit, einen Selbsthass, der sie sich vor Demetrius wie ein Hündchen erniedrigen lässt. Helena gibt alles und erhält weniger als nichts. Selesnew hat hier, in der Auseinandersetzung mit den Männern und folglich auch mit sich selbst, ihre stärksten Szenen.
Die Leiden der Männer sind vielfältig. Exemplarisch sei die Verwirrung des Lysander (Maroje Culinovic) genannt. Er denkt aufgrund eines Zaubers, er liebe nicht mehr die süße Hermia (Corinna Gropp), sondern Helena und versucht dies auch noch als Werk der Vernunft zu verkaufen. Culinovic gibt dem Sehnen so hemmungslos Ausdruck, dass man Mitleid haben möchte mit Lysander, ihn aber dann doch als typischen Mann erkennt, der sich seiner Gefühle sicher scheint, aber doch nur das Eine will. Wollte man sein Verhalten interpretieren, könnte man meinen, es sei Folge der von ihm so schwer nachvollziehbaren Tugendhaftigkeit Hermias. Sie weist seine lustvollen Blicke und Annäherungen zurück, hält ihn auf Abstand, um ihre Unschuld zu bewahren. Ein äußerst gelungener Einfall ist an dieser Stelle, Lysander, während Hermia schläft, einen Song der Beatles singen zu lassen, der lediglich aus einer Zeile besteht: „Why don’t we do it in the road?“ Lysander wünscht sich so sehr, diese Beziehung zumindest zeitweise auf die Körperlichkeit reduzieren zu können. Das Publikum honoriert dieses Verlangen mit stillem Verständnis und lacht Lysander doch aus ob seiner männlichen Unzulänglichkeit in Sachen reiner Liebe.
Es sind also nicht nur die ernsten Szenen, die intensiv herausgespielt werden, sondern auch die grotesken, überdrehten. Quelle einfachen und gerade deshalb großen Vergnügens sind die Auftritte der schauspielernden Handwerker, besonders des Zettel (Thomas Langauf), im englischen Original nicht umsonst Bottom genannt. Die Freude am Spiel, die Diskrepanz zwischen guter Absicht und lächerlicher Erscheinung der übermotivierten oder unterbelichteten Laienschauspieler lässt das Publikum johlen vor Freude. Zettel macht sich lächerlich, er ist ein Esel. Puck verpasst ihm lediglich den adäquaten Kopf.
Die Choreografien, in denen die Elfen mit den beiden Pucks (Gizzem Cinar und Jessica Ferklaß in einer gelungenen Doppelung der Rolle) interagieren, verdeutlichen nicht nur die Spannungen zwischen ihren jeweiligen Herrschern, sondern auch die Anziehungskraft, die Gegensätze oft aufeinander ausüben.
Das ganze Ensemble profitiert von der intensiven Sprecherziehung durch Michael Polty und nur ganz selten, in besonders bewegten Passagen, wünscht sich das Publikum eine etwas deutlichere Artikulation einzelner Akteure. Der Regie ist es gelungen, dem Stück mit einfachen Mitteln und originellen Ideen Tempo, Atmosphäre und Witz zu geben. Schon der Tanz der Glühwürmchen im dunklen Wald, durch den Einsatz von Taschenlampen suggeriert, versetzt den Zuschauer in eine traumhafte Stimmung. Und das junge Ensemble erhält mit vollem Einsatz diese Stimmung über zwei Stunden aufrecht. Am Ende löst sich die Verwirrung der Gefühle, die Paare finden zu einander und die Liebe scheint zu siegen. So geht in der vollbesetzten Aula des MGB ein spannender und gleichzeitig entspannter Theaterabend zu Ende.
Marc Soedradjat





